Über das Leben im Norden Nicaraguas: La Nueva Segovia

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Wir befinden uns 86 Grad West und 13 Grad Nord innerhalb der Tropen. Im Laufe des einmonatigen Aufenthalts in El Jicaro, dem Heimatdorf meiner Frau, konnte ich den Norden Nicaraguas sehr gut kennenlernen. In diesem Blogbeitrag möchte ich Euch einen Bild von La Nueva Segovia zeichnen.

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Der Norden Nicaraguas ist von montanem Savenneklima beherrscht und ist klimatisch gegenüber der pazifischen Tiefebene Nicaraguas begünstigt. Kühlere Temperaturen von um die 25 Grad sind sehr angenehm im Vergleich zur pazifischen Gluthitze Managuas.
Es ist gebirgig und der Gebirgszug der Nicaragua von Honduras trennt, erreicht eine Höhe von 2000m.

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Der rurale Norden ist das beste Nikaraguanische Kaffee- und Tabakanbaugebiet. La Nueva Segovia ist sehr rural struktriert, Tabak- und Kaffeeplantagen dominieren die Landschaft. Die Region löste Matagalpa als bestes Kaffeeanbaugebiet ab und gewinnt Jahr für Jahr internationale Preise für die weltbesten Kaffeesorten. Ausserdem kommen 3 der 10 weltbesten Zigarren aus La Nueva Segovia.
Nichtsdestotrotz leben kleinere Fincas  vom Anbau von Bohnen und Mais.
Die Menschen im Norden sind äußerst freundlich, auf der Strasse wird man mit einem netten Grüss Gott (Adios) begrüsst.
Man begegnet einer unglaublichen Bescheidenheit und Güte, gepaart mit dem Willen voranzukommen. Viele Jüngere studierten in Managua und im Ausland um danach wieder im Norden zu investieren, wovon die ganze Zone profitiert.
Im großen und ganzen geht es den Nortenos gut, Essen gibt es genug, niemand muss Hunger leiden, El Jicaro ist durchaus reich. Klar sieht man extreme Unterschiede, die viel extremer als in Mitteleuropa sind. Am Land leben viele in ärmlichen Lehmhütten mit Erdboden, in El Jicaro sieht man grosszügige Häuser mit riesigen Innenhöfen
Auf der Strasse reiten Bauern mit Maultieren und Pferden, Ochsenkarren sind nicht selten.

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Die Häuser sind überwiegend aus Adobe. Diese Lehmziegel erweisen sich im Norden Nicaraguas als kühler, lang anhaltender Baustoff, der leichter als gebrannte Tonziegel zu erneuern ist.

Leidenschaften der Jüngeren

Die Jüngeren fahren bevorzugt auf Motorcrossmaschinen durch die Gegend ohne sich an irgendwelche Verkehrsregeln zu halten. Helme hat kaum wer auf, die jüngsten Fahrer sind nicht älter als 14 Jahre. Teilweise fahren ganze Familien auf einem Motorrad.
Der Lieblingszeitvertreib der Jüngeren männlichen Nortenos ist der Fussball, nicht das Spiel an sich, sondern das Fussballschaun. Vor allem der FC Barcelona hat es den Jungen angetan. Die Spiele der Katalanen werden mit Passion verfolgt, viele Laufen mit FC Barcelona T – Shirts herum. Nur eine Leidenschaft ist grösser als die für den Fussball und zwar der Hahnenkampf. Ich lernte viele 25 Jährige bis Mitvierziger kennen, die Kampfhähne züchten um diese in archaisch anmutenden Spekateln, bei denen gewettet und gesoffen wird, gegeneinander antreten zu lassen.
Sogar ein Gesetz wurde  im Nikaraguanischen Parlament beschlossen, dass Hahnenkämpfe erlaubt. Mehr als 5 Kämpfe schafft kaum ein Hahn bevor er verblutet.

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Obwohl über die Grenze von Honduras viele Drogen geschmuggelt werden, gibt es keine organisierte Verbrecherbanden, wie die Maras in Honduras.


Küche und Leben

Der Takt des Lebens ist gegenüber Mitteleuropa sehr reduziert. Der Tag beginnt zwischen 4.00 und 6.00 Uhr Morgens und endet mit der Abendämmerung um ca. 19.00. Man sitzt bei den gemeinsamen Essen lange am Tisch und plaudert. Die Küche ist einer der Höhepunkte im Norden, die meisten der unzähligen leckeren Gerichte werden von Gallo Pinto (Reis mit roten Bohnen) begleitet.

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Am Morgen gibt es leckeres süsses Brot, das man in Kaffee eintunken kann, der selbst geröstet von der eigenen Plantage kommt.
Man isst Tamales und Nakatamales, Maisteig mit gewürztem Fleisch gefüllt. Die Tortillas sind grösser und leckerer als in der Pazifikebene.
Am Abend ist nach getaner Arbeit Zeit für Gespräche im Schauckelstuhl.

Smartphones, Sekten und Sandino

Auffällig ist die sehr hohe Dichte an Smartphones. Jeder Bauer scheint Eines zu besitzen und Whatsapp ist in aller Munde. Das mobile Internet ist sehr gut ausgebaut man geht mit 4Mbit in das Netz, die Preise der Datenpakete sind jedoch enorm überteuert. 3 bis 4 € ich kosten 100 Megabyte an Datenvolumen. Aufladen ist in jeder Pulperia (Gemischtwarenladen) möglich.
Sogar die Ärmsten nutzen Smartphones und geben Ihren letzten Cent lieber für ein Aufladen ihres Handyguthabens, als für ein paar Bohnen aus. Claro und Movistar, die einerseits dem Mexikanischen Milliardär Carlos Slim und andererseits der Spanischen Telefonica (Besitzer von O2) ziehen den Leuten jeden nur möglichen Peso aus der Tasche.

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Ebenso wie Smartphones sind unterschiedliche evangelische Kirchengemeinden verbreitet. Die Menschen sind sehr gläubig, viele wendeten sich jedoch von der katholischen Kirche ab um sich unterschiedliche evangelischen Gemeinden zuzuwenden. Diverse Ostergemeinden, Pentecostals und die Zeugen Jehovas behaupten von sich, dass das Paradies ihren Anhängern offensteht. Ich liess mich auf eine einstündige Diskussion mit zwei Missionarinnen der Zeugen Jehovas ein und ich kann nur sagen, ihre Ansichten bezüglich diverser Themen sind rückständig. Als sie hörten dass ich Blutspenden empfangen habe, war ich ohnehin plötzlich kein interessantes Schaf mehr für Ihre Gemeinde.

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Nur der Glaube an Sandino ist stärker. Augusto Cesar Sandino startete in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts  in El Jicaro, genau in den Minen von San Albino, seinen Kampf gegen die imperialistischen US Marines.
Der diktatorisch regierende Präsident Ortega, der Sandino als Symbol nutzt, ist hier ein Heiliger. Die eigenartige Mischung aus Sozialismus und Marktwirtschaft dominiert das Leben. Überall werden Strassen, Schulen und Krankenhäuser gebaut. Die FSLN (regierende Partei) verwirklicht auf weiten Strecken viel Positives, gleichzeitig werden aber Verfassungsrechte eingeschränkt und die Meinungsfreiheit beschnitten. Trotzdem kann in dem Sozialismus in Nicaragua viel Positives abgewinnen, Marktwirschaft ist uneingeschränkt möglich und im Vergleich zu seinen ausbeuterischen neoliberalen Vorgängengern realisierten die Ortegas viele gute Projekte von denen vor allem die Ärmsten profitieren. Es bleibt abzuwarten in welche Richtung sich der Sandinismus bewegt.

Viele Bilder aus Nicaraguas Norden findet in meinem Dropbox Album:
https://www.dropbox.com/sc/tpueynd2k3nn0gp/AADU8v6YoupB89aoXy47iQDxa

  • Blende: ƒ/5.6
  • Kamera: DMC-FZ45
  • Aufgenommen: 9 März, 2015
  • Blitz: Nein
  • Brennweite: 4.5mm
  • ISO: 125
  • Verschlusszeit: 1/400s